Kostenbarkeiten der Extraklasse

Von Eva-Maria Reuther

Die seltenen Wandbespannungen von Schloss Malberg sind zurück

Drinnen und draußen mögen zusammen geflossen sein, wenn Franz Moritz von Veyder aus den Fenstern seines Landschaftszimmers hinaus in den Barockgarten und auf den Wald darüber blickte. Denn ein Landschaftszimmer im Geschmack der Zeit war wohl der prachtvolle Raum im ersten Stock des "Neuen Hauses" von Schloss Malberg, der landläufig als "Gobelin- oder Tapetenzimmer" gilt. Ab sofort strahlt der schöne Empfangsraum wieder im alten Glanz. Zerschnitten und beschädigt hatten die kostbaren Wandbespannungen aus der Beletage viele Jahre ein kümmerliches Dasein gefristet. Jetzt konnten die edlen Teile endlich restauriert und wieder an ihrem ursprünglichen Platz angebracht werden. Die Kosten für die aufwendige Instandsetzung der bemalten Leinengewebe hat die Kulturstiftung des Landes Rheinland-Pfalz übernommen.

Landschaftszimmer waren im 18. Jahrhundert der große Renner. Nicht nur Adelige, auch betuchte Bürger leisteten sich in ihren Schlössern und Palais einen repräsentativen Fest- und Empfangsraum, den sie mit Bildtapeten schmückten, die kunstvolle Landschaftsdarstellungen zeigten. Auch der kunstsinnige Moritz, ein Verwandter des Bauherrn, folgte offensichtlich dem Zeitgeist, als er 1760 für die Ausstattung seines barocken Hauses die bemalten Wandbespannungen aus Leinen von der Frankfurter Manufaktur Nothnagel bezog. Der Herr auf Malberg war dabei in bester Gesellschaft. Zu den Kunden der damals führenden Tapetenfabrik Europas gehörten Könige und andere hochmögende Häuser wie die Metternichs, dazu wohlhabende Bürger im In- und Ausland. Natürlich kauften auch Goethes bei der Einrichtung ihres Neubaus am Hirschgraben dort ihre Tapeten. Den jungen Johann Wolfgang zog es mit Leidenschaft zum Meister Nothnagel, der sich neben der Tapetenherstellung auch als Kunsthändler, Maler und Radierer betätigte. Hier nahm der Kunstliebhaber Goethe zum ersten Mal den "Ölpinsel" in die Hand. „Das Schicksal meines Lebens
hängt sehr an diesem Augenblick", schrieb er jugendlich theatralisch an eine Freundin. Ganz so schicksalhaft wurde es dann doch nicht, dem "braven Nothnagel" blieb der Dichterfürst jedoch zeitlebens verbunden. Ihm verdanke er seinen geschulten Blick, würdigt er den Meister in seinen Lebenserinnerungen. Aus "Dichtung und Wahrheit" ist uns auch der Fabrikbetrieb geläufig, der neben Stofftapeten später noch Wachstuch- und Papiertapeten herstellte. In einem Ensemble aus Höfen, Gärten, Werkstätten und Kontor beschäftigte Johann Andreas Benjamin Nothnagel in seinen besten Zeiten bis zu hundert Mitarbeiter, unter ihnen eine Reihe angesehener Maler. Bei aller Verehrung sah Goethe den malenden Unternehmer durchaus nüchtern: "Ein geschickter Künstler, der aber sowohl durch sein Talent als durch seine Denkweise mehr zum Fabrikwesen als zur Kunst hinneigte".

Als Fabrikant hat der 1729 geborene Predigersohn aus Thüringen tatsächlich eine steile Karriere gemacht. Bereits mit 24 Jahren war er Unternehmenschef. Als der „Kaiserlich Privilegierte Fabrikant und Handelsmann" 1804 hoch angesehen in Frankfurt starb, hinterließ er ein beträchtliches Vermögen und eine florierende Fabrik, die bis heute - wenn auch unter anderem Namen - weiter besteht. Ansonsten hatte der Unternehmer die Probleme aller Geschäftsleute. Nicht immer waren Kundenwünsche zu erfüllen. "Changierende Muster" vermerkte er auf einer Rechnung für Goethe, seien im Papier nicht herzustellen. Auch zahlungsunwillige Kunden gab es schon damals. Dann blieb Nothnagel bisweilen nur die Klage, wie einschlägige Gerichtsakten und Rechnungsbücher bezeugen. Die Tapeten wurden nach zum Teil noch vorhandenen Musterbüchern ausgesucht. Auch Von Veyder mag nach solchen „Müstergen" ausgewählt haben. Bordüren und
Bilder wurden getrennt hergestellt und konnten dem Geschmack der Kunden entsprechend kombiniert werden.
Trotz ihrer in Europa weiten Verbreitung sind Tapeten aus Nothnagels Fabrik heute äußerst selten. Die in Gobelin-Manier gemalten Mal-berger Wandbespannungen, die eine preiswertere Alternative zu den gewebten Gobelins waren, bevor robuste Wachstuch- und Papiertapeten auf den Markt kamen, sind ausgesprochene Raritäten. Ihre schweren Beschädigungen bedeuteten denn auch eine spannende Herausforderung für die Textilrestauratorin Ulrike Reichert und ihre Kollegin, die Gemälderestauratorin Carmen Seuffert. „Besonders schwierig war es, einen Stoff nachzuweben, der dem Original entsprach, um die Fehlstellen zu ergänzen", erinnert sich Reichert. Größte Vorsicht war beim Zusammennähen geboten. Um die Malerei nicht zu gefährden, mussten die Behänge flachliegend wie ein Patient auf dem OP-Tisch behandelt werden. Zum Nähen wurden Rundnadeln aus der Chirurgie verwendet, die es erlaubten, von unten Stiche zu machen, ohne das Gewebe anzuheben. "Am meisten fasziniert mich allerdings, dass es uns gelungen ist festzustellen, wo genau die Wandbehänge ursprünglich hingen, so dass wir sie dorthin zurückführen konnten", freut sich die Kölner Textilrestauratorin. Große Sensibilität für ihre Patienten bewies auch Carmen Seuffert. Nicht "auf neu" machte sie die einst viel farbintensivere Malerei, sondern vorsichtig und feinfühlig ergänzte und besserte sie aus, so dass das Erlebnis eines in Ehren gealterten Kunstwerkes erhalten bleibt, das viel erlebt hat. Beredt sind die Wandbespannungen allemal. Nach Frankreich in ein galantes Zeitalter verweist die Mischung aus Landschafts- und Genremalerei. Aber auch die Landschaften der Niederländer, zu denen Frankfurt traditionell und auch der malende Nothnagel enge Beziehungen unterhielt, lassen grüßen. Die eleganten Liebespaare, die immer im Aufbruch zur Liebesinsel scheinen, die mit dem Falken jagende Edelfrau, der Harlekin, die adelige Landfrau mit der Sichel erzählen von einer Zeit, in der Spiel und Wirklichkeit ineinander fließen. Das Leben wird zu einem prächtigen Schauspiel, in dem galante Herren mit duftigen Blüten um schöne Damen werben, während freundliche Götter im Hintergrund zuschauen. In den Bildern vom idyllischen Landleben spiegelt sich das wiedergefundene Paradies Arkadiens, des sagenhaften griechischen Landes der Hirten. Dass man auch in Malberg das Theater liebte, beweist ein Blick in die Rechnungslegung der Malberg'schen Hofhaltung aus der Zeit. Ein Posten ist darin für „Theater und Spiel" enthalten.

Extra

Tapeten waren teuer, wie eine Preisliste der Firma Nothnagel aus dem 18.Jah. zeigt. Dort heißt es: Tapeten, "Facon Haut-elisse" (nach Art von Gobelins) "auf gerippte Leinwand mit historischen, Pastorales (Schäferszenen), Jagden oder anderen ländlichen Vorstellungen: besagte Quadrat-Elle à 1 Gulden"
Eine Frankfurter Elle entsprach etwa 0,54 cm. Ein Meister arbeitete für einen Gulden zu der Zeit etwa 2 Tage.